Monatsarchiv für November 2009
Sie besetzen die Hörsäle, sie gehen auf die Straßen und sie sind laut. Bundesweit wehren sich weit über 10.000 Studenten gegen die derzeitigen Studienbedingungen an deutschen Hochschulen, gegen die Studiengebühren und dem vorherrschendem Chaos in der Bildungspolitik.
Als bildungspolitische Wunderwaffe wurde nach amerikanischem Vorbild im Jahre 1999 in Bologna von 29 europäischen Bildungsministern die Vereinheitlichung des europäischen Hochschulwesens beschlossen. Im Grunde hörte sich alles ganz gut an, doch an der korrekten Umsetzung scheiterte es dann an vielen Hochschulen in Deutschland. Zwar wurde die Umstellung auf einheitliche Bachelor- und Masterstudiengänge zügig vorangetrieben, doch sind die Studenten unter diesen verschulten Bedingungen und mit viel zu vielen Prüfungen nicht weiter bereit, Ruhe zu bewahren.
Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht Handlungsbedarf. Die Studenten könnten es gar nicht schaffen in vorgegebener Zeit ihr Studium abzuschließen, da die Zahl der Seminarplätze nicht ausreiche.
Verantwortlich für das ganze Durcheinander will niemand sein. Politik wie auch Hochschulen zeigen sich zwar überwiegend verständnisvoll, fordern jedoch mehr Kooperationsbereitschaft. Mit Dialogbereitschaft hätte das Besetzen von Hörsälen nichts zu tun, meint Margret Wintermantel, Vorsitzende der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Sie verteidigte die Studienreform auf der Pressekonferenz der Hochschulrektorenkonferenz in Berlin. “Die Bologna-Reform ist keinesfalls missglückt”, meint Wintermantel in einem Interview mit dem ZDF.
Das sehen die Studenten anders. Sie wollen mehr Geld für die Hochschulen, um bessere Bildungsbedingungen zu schaffen und fordern die Abschaffung der Studiengebühren.
Für eine tatsächliche Demokratie ist unsere Forderung nach einem frei zugänglichen, öffentlich finanzierten und emanzipatorisch ausgerichteten Bildungssystem unerlässlich. www.bildungsstreik.net
Erste Reaktionen von Politik und Hochschulen
Lutz Stratmann (CDU) kündigte Reformen bei den Bachelor-Studiengängen an. “Wir brauchen wieder mehr Mobilität. Der Wechsel der Hochschulstandorte muss wieder eher möglich sein.”, so der niedersächsische Wissenschaftsminister. Auch die Verringerung der Prüfungsdichte versprach Stratmann den Studenten. Um den Bachelor-Abschluss aufzuwerten, soll es künftig mehr achtsemestrige Bachelor-Studiengänge geben.
Für die Zeit vom 30. November bis zum 6. Dezember planen die Organisatoren der Proteste eine Aktionswoche. Zur Kultusministerkonferenz am 10. Dezember in Bonn wollen die Studenten die Zufahrtsstraßen blockieren.
Bildung und gute Bedingungen an Schulen müssen kostenlos bleiben! Oder wären Eltern bereit Schulgeld zu zahlen, wenn sich das staatliche Schulsystem und die Lernbedingungen für ihre Kinder sichtbar verbessern würden? Privatschulen-Vergleich.de führt zu dieser Thematik eine kurze Umfrage durch.
Viele Studenten wissen einfach nicht, was sie mit ihrem Leben nach dem Bachelor anfangen sollen. Ins Ausland? Berufserfahrungen sammeln? Oder doch einen Master? Warum hängen Studenten an ihrem Bachelorabschluss einen Master ran? Die Umfrage dazu gibt es auf Master-Vergleich.com.
Das Beherrschen von einer oder mehreren Fremdsprachen wird in nahezu jedem Berufszweig gefordert. Deshalb kann man nicht früh genug damit beginnen, sich durch Sprachkurse oder Sprachereisen weiterzubilden. Bildungsweb interessieren die Gründe für eine Sprachreise und auf was es bei der Suche nach einer Sprachreise ankommt. In regelmäßigen Abständen führt Sprachreisen-Vergleich.de kurze Umfragen zu verschiedenen Sprachreise-Themen durch.
Bildungsweb startet auf Uni-Vergleich in regelmäßigen Abständen Schnellumfragen zu den Themen Studium in Deutschland, Bachelor, Master und Studiengebühren.
In dieser Woche lautet die Frage: “Warum willst Du eigentlich studieren?”
Hier geht es zur Umfrage.
Mit dem Slogan “Mobbingfreie Schule – gemeinsam Klasse sein“, startet die Techniker Krankenkasse zusammen mit dem Ministerium für Bildung und Kultur in Schleswig-Holstein eine Anti-Mobbing-Initiative.
Ziel der Kampagne ist, dass jede weiterführende Schule in dem Bundesland für die Jahrgänge fünf und sieben Projektwochen zum Thema Mobbing in der Schule anbieten kann. Dazu finanzierte die Techniker Krankenkasse 1.100 Methodenkoffer. Die Anti-Mobbing-Koffer enthalten Infomaterialien für die Eltern, ein Lehrerhandbuch sowie Unterrichtsfilme. “Wichtig ist, dass alle an Schule Beteiligten – Schüler, Lehrer und Eltern – dabei an einem Strang ziehen.”, so der Leiter der TK-Landesvertretung Schleswig-Holstein, Dr. Johann Brunkhorst.
Sozialarbeiter als “Anti-Mobbing-Fachleute”
Für das kommende Jahr sind neben den bereits laufenden Projektwochen auch Fortbildungen für Multiplikatoren vorgesehen. Für 2010 sollen dann etwa 100 “Anti-Mobbing-Fachleute” für Schleswig-Holstein zur Verfügung stehen und die Lehrer in der Arbeit mit dem Methodenkoffer während der Projektwochen unterstützen. So zeige diese Projekt auch, “wie wichtig Schulsozialarbeiter für unsere heutige Schullandschaft sind”, so Bildungsminister Ekkehard Klug.
Austausch zwischen Lehren und Eltern sind wichtig – kein Frage. Sind es doch gerade die Lehrer oder auch die Erzieher im Kindergarten, die unter der Woche fast mehr Zeit mit den Kindern verbringen, als die Eltern selbst. Der italienische Minister für öffentliche Verwaltung Renato Brunetta will mit SMS und E-Mails an die Eltern mehr Einblicke in den schulischen Alltag der Kinder geben.
Geht es zukünftig nach den Plänen des Ministers, erhalten Eltern E-Mails über die schulischen Leistungen ihres Kindes. Der Kontakt zwischen der Schule und den Eltern soll auf diesem Weg erleichtert werden. Noch bevor die Kinder also nach Hause kommen, wissen die Eltern bereits, welche Note es in der Klassenarbeit erhalten hat? Auch die Jahreszeugnisse sollen im Internet veröffentlicht werden. Auf Basis welcher Technologie, ist bisher nicht bekannt.
SMS-Alarm beim Schulschwänzen
Noch verrückter klingt der Plan, Eltern per SMS darüber zu benachrichten, wenn ein Kind nicht in der Schule ist. Eine Datenbank erfasst alle Schüler beim Morgenappell und verschickt die Kurznachrichten automatisch. Irgendwie gruselig – vielleicht aber doch sinnvoll. Sinnvoll, um gegen kleine Schulschwänzer vorzugehen, sinnvoll beispielsweise auch, um sich bei den Eltern rückzuversichern, dass das Kind zu Hause ist und nicht irgendwo zwischen Schule und Wohnung umherirrt.
Wird das Vorhaben von Renato Brunetta bewilligt, sollen die “Kontrollpläne” noch bis zum Ende des aktuellen Schuljahres umgesetzt werden.
Die hanseatische Schulreform ist verabschiedet und die große Jagd auf die Autogramme gegen dieses Vorhaben geht in die heiße Phase.
Insgesamt drei Wochen Zeit haben die unermüdlichen Unterschriftensammler der Volksinitiative „Wir wollen lernen“. Bis zum 17. November 2009 müssen sie insgesamt 60.000 Unterschriften sammeln. Eine der Unterstützerinnen der Aktion ist Nicola Byok. In einem Interview gegenüber dem ZDF äußerte sie zuversichtlich, dass sie gar keinen Zweifel daran habe, genügend Unterschriften zusammen zu bekommen. Die Empörung über die Primarschul-Pläne des Senats sei “in ganz Hamburg verteilt”.
Scheinbar unbeeindruckt gibt sich hingegen die grüne Bildungssenatorin Christa Goetsch der GAL. Sie geht nicht davon aus, dass die Initiative die Fünf-Prozent-Marke knacken wird und sich über 60.000 Hamburger Bürger „gegen bessere Bildung“ entscheiden.
Passiert es doch – kann es das Scheitern der Schulreform bedeuten. Kommen bis zum Stichtag genügend Unterschriften zusammen, dann muss sich die schwarz-grüne Bürgerschaft mit dem Volksbegehren genauer befassen. Einigen sich Reformer und Reform-Gegner nicht, entscheiden die Bürger im Sommer 2010 über Hamburgs Bildungssystem in einem offiziellen Volksentscheid.
Kernpunkte der Hamburger Schulreform
Zwei Jahre länger Grundschule (zwei Jahre mehr Zeit, Rückstände aufzuholen).
Längeres gemeinsames Lernen bis zur sechsten Klasse und mehr Bildungsgerechtigkeit schaffen.
Kleinere Klassen ermöglichen (zusätzliches Lehrpersonal).
Kein Sitzenbleiben bis zur neunten Klasse.
Keine Zeugnisnoten bis zur fünften Klasse.
Nicht die Eltern, sondern ausschließlich die Lehrer entscheiden in Zeugniskonferenzen über die weitere Schullaufbahn der Kinder.
Die Gegner spielen nicht mit: „Qualität statt Reformchaos“
Die Volksinitiative und insbesondere die demonstrierenden Eltern sind gegen die meisten Punkte der Schulreform. In erster Linie aber wollen Eltern natürlich selbst entscheiden, auf welche weiterführende Schule ihr Kind gehen soll. Auch die verlängerte Grundschulzeit von vier auf sechs Jahren empfinden viele Eltern als sinnlos. Bedruckte T-Shirts auf denen Slogans wie „Ich bin kein Versuchskaninchen“ oder „Ole zum Nachsitzen“ stehen, verleihen ihrem Unmut den nötigen Ausdruck.
Filme schauen, bildet nicht? “Vision Kino” beweist das Gegenteil. Am 12. November 2009 starten die Schulkinowochen in Berlin. Bundesweit präsentieren bis zum Frühjahr 2010 über 750 Kinos für Schulklassen und Lehrer unterrichtsrelevante Kinofilme.
Dazu bietet „Vision Kino“ einerseits Fortbildungen für Lehrer an, die den Pädagogen Techniken der Filmanalyse näher bringen. Andererseits steht den Schulklassen kostenloses Unterrichtsmaterial zur Verfügung, welches in der Schule bearbeitet werden kann.
Neben verfilmten Klassikern wie „Romeo und Julia“, „Effie Briest“ oder „Buddenbrooks“, stehen auch zahlreiche Dokumentationen zur Auswahl. Auch neuere Produktionen, wie „Vorstadtkrokodile“, „Novemberkind“ oder „Der Vorleser“ sind im Programm der Schulkinowochen zu finden.
Termine für die Schulkinowochen finden Sie auf der Internetseite von “Vision Kino”.
Aus einer Pressemeldung des Deutschen Studentenwerkes (DSW) geht hervor, dass die Nachfrage von Studenten nach einer Sozialbberatung im Jahr 2008 stark angestiegen ist. Etwa 72.000 Beratungsgespräche fanden insgesamt statt. Das sind 27 Prozent mehr als im Vorjahr.
Macht der Bachelor krank und depressiv? Diese Frage scheint immer häufiger gestellt zu werden. Im Zuge des Bologna-Prozesses und knackedichter Stundenpläne für die Bachelorstudenten, steigt der Druck in vielerlei Hinsicht.
Geplagt von Prüfungsangst, Lern- und Arbeitsstörungen und Selbstwertproblemen suchen immer mehr Studenten bereits während des ersten Semesters eine Sozialberatung an ihrer Hochschule auf. Hinzu kommen die finanziellen Sorgen vieler Studenten.
DSW-Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde sieht darüber hianus noch folgendes Problem:
„Die neuen Bachelor-Studiengänge erhöhen sicher den Zeit-, den Leistungs- und Finanzierungsdruck auf die Studierenden; viele können wegen der dichten Stundenpläne und der vielen Prüfungen keinem Nebenjob nachgehen, finanzielle Probleme sind die Folge und erhöhen den Stress.“
Unter den 72.000 hilfesuchenden Studenten im Jahr 2008 gab es laut DSW etwa 23.000 Studenten, die sich sogar in einem Einzel- oder Gruppengespräch psychologisch beraten ließen.
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